Grußwort Künstlerisches Leitungsteam | HZT Berlin

Britta Wirthmüller, Sophie Brunner, Nik Haffner | Foto: Ana Halina
Britta Wirthmüller, Sophie Brunner, Nik Haffner | Foto: Ana Halina
Vonwerbit

Grußwort Künstlerisches Leitungsteam | HZT Berlin

Im Frühjahr 1918 befand sich Europa noch im Ersten Weltkrieg. In dieser zerrütteten Zeit, in der auch gesellschaftlich vieles in Bewegung geriet, findet die junge Berliner Tänzerin Valeska Gert mit ihrer unkonventionellen, radikalen Tanzkunst ersten Zuspruch und erinnert sich: „Ich bekam das Angebot, die beiden Tänze zweimal am Tag im Kino am Nollendorfplatz zu machen. (…) Das Publikum schrie, klatschte und pfiff, so daß wir kaum die Musik hören konnten. Es war der erste Durchbruch vom ästhetischen Tanz einer bürgerlichen Kultur zum Dynamischen einer neuen härteren Zeit.“

2018 – hundert Jahre später – trifft die Biennale Tanzausbildung mit dem Thema „Dancing in the Street. Was bewegt Tanz?“ wiederum auf eine bewegte Zeit, in der die Welt an vielen Stellen aus dem Lot zu kippen droht. Umso wichtiger ist es, unsere Körper und Köpfe in Bewegung zu setzen, um gemeinsam etwas bewegen zu können. Für die 6. Biennale Tanzausbildung begrüßen wir über 150 nationale und internationale Studierende und Lehrende aus unterschiedlichsten kulturellen und künstlerischen Kontexten. Die Biennale ist Austauschplattform für die zukünftige Generation von Tanzschaffenden, die sich hier kennenlernen und später im Berufsfeld wiederbegegnen und weiter zusammenarbeiten werden.

Wenn wir am 26. Februar mit dem ersten Aufführungsabend im HAU Hebbel am Ufer die Biennale eröffnen, dann ist dies auf den Tag genau auch das 10-jährige Jubiläum der Biennale. 2008 im Rahmen von Tanzplan Deutschland, einer Initiative der Kulturstiftung des Bundes, erstmals ausgerichtet, fand sie auch damals im HAU statt. Dass wir 2018 für die Biennale-Aufführungen in dieses Theater zurückkehren können – dafür ein besonderer Dank an das gesamte Team des HAU. Für die Vorbereitung und Umsetzung dieser Biennale danken wir zudem den beiden Trägerhochschulen des HZT – der Universität der Künste Berlin und der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch« – sowie dem Netzwerk TanzRaumBerlin. Gedankt sei auch allen teilnehmenden Ausbildungsprogrammen, Partnern und Gastkünstler*innen, denn erst durch ihre Teilnahme wird die Biennale Realität. Nicht zuletzt und ganz besonders danken wir dem Bundesministerium für Bildung und Forschung, durch dessen finanzielle Unterstützung ein so umfangreiches Projekt erst möglich wird.

Es freut mich zudem, die Künstlerische Leitung der Biennale Tanzausbildung 2018 und somit auch dieses Grußwort mit Sophie Brunner und Britta Wirthmüller zu teilen. Dass es ein Künstlerisches Leitungsteam für die 6. Biennale Tanzausbildung gibt, spiegelt wider, wie auch im Tanz Teamgeist immer stärker das Einzelkämpfertum ablöst. Kollaborative Arbeitsweisen, soziale und kommunikative Kompetenzen sind mittlerweile wichtige Inhalte nicht nur in Tanzstudiengängen, sondern allgemein in der künstlerischen Ausbildung. Umso mehr bin ich gespannt, welche Impulse für den Tanz und für die Gesellschaft von der hier vertretenen nächsten Generation von Künstler*innen ausgehen werden

– Nik Haffner, Künstlerischer Direktor HZT Berlin

 

All we need is music, sweet music/ There’ll be music everywhere/ There’ll be swinging swaying records playing/ Dancing in the street der Biennale-Titel „Dancing in the Street“ bezieht sich auf das gleichnamige Lied der Gruppe „Martha and the Vandellas“, das während der Bürgerrechtsbewegung in den USA als Protestsong berühmt wurde. Es ist ein Beispiel dafür, wie eng der Kampf um Freiheit und der Tanz miteinander verbunden sind. Ich persönlich verstehe den Titel „Dancing in the Street“ als Aufforderung, die Tore der Biennale 2018 weit aufzustoßen und in die Stadt hineinzulaufen. Das Studium und die Hochschule bieten ein sicheres Umfeld, in dem wir ausprobieren können, uns wohlfühlen und künstlerisch entfalten. Wir sollten jedoch nicht vergessen, hin und wieder auch über die Dächer zu schauen, Anlauf zu nehmen und – wer nicht wagt, der nicht gewinnt – dann zu springen. Die Biennale will Mut machen, sich umzuschauen, herauszufinden, wo und wie außerhalb der Hochschulen sonst noch Tanz und Bewegung stattfinden.

2018 kooperiert die Biennale Tanzausbildung zum ersten Mal mit dem Bundeswettbewerb „Tanztreffen der Jugend“. Als „Biennale NEXT GENERATION“ sind zehn ehemalige Teilnehmer*innen des Tanztreffens in die 6. Biennale eingebunden. Diese Kooperation und die performative Konferenz „Matters of Engagement“ werden Orte und Menschen zusammenführen, die sonst nicht so einfach aufeinandertreffen.

Ich wünsche mir, dass wir während der Biennale genug Raum für einen anregenden Austausch schaffen. Dafür, ernsthaft aufeinander zu schauen, mitzufühlen und Möglichkeiten zu diskutieren, wie man miteinander recherchieren und gemeinsam reflektieren kann. Diese Begegnungen werden hoffentlich anregend sein, auch wenn, und gerade weil sie manchmal Reibung erzeugen. Ich hoffe, dass wir alle Erfahrungen machen werden, die uns auch nach der Biennale noch begleiten und uns Stoff zum Nachdenken geben. Der gemeinsame, furchtlose Tanz auf der Straße – ich freue mich darauf.

– Sophie Brunner, Absolventin HZT Berlin

 

Was bewegt Tanz? Diese Frage im Titel der 6. Biennale Tanzausbildung lädt ein, darüber nachzudenken, in welchem Verhältnis Tanz als Kunstform und als soziale Praxis zu gesellschaftlich-politischen Umständen und Entwicklungen steht. Was kann Tanz gesellschaftlich in Bewegung setzen? Aber auch: Inwiefern handeln Tänzer*innen und Choreograph*innen politisch durch ihre Kunst oder in künstlerischen Prozessen? Wo beginnt das Politische und wie weit reicht es? Wo zeigt es sich am eigenen Körper und wo manifestiert es sich als Herausforderung im gesellschaftlichen Zusammenleben oder gar als gewaltsamer Konflikt?

Insbesondere verstehe ich diese Biennale aber als eine Einladung an alle Teilnehmer*innen, sich zu fragen: Was ist die politische Dimension meines eigenen Handelns? Eine Frage, die auf den ersten Blick groß und abstrakt erscheint, die sich jedoch potenziell in jeder Audition, jeder Probe und jeder Kaffeepause wiederfinden ließe. Wir müssen das Politische im eigenen Handeln nicht erfinden; es reicht, unser Bewusstsein dafür zu schärfen. Denn wenn die Fragen, die wir uns selbst und anderen stellen unbequem werden, dann sind wir häufig bereits mitten drin im Politischen.

Ich hoffe daher, dass die Biennale uns allen solche Erfahrungen bietet, sei es im Training, im Workshop, im Theater, während der Konferenz oder im Gespräch beim Mittagessen. Und ich möchte alle ermutigen, die eigenen Fragen und das persönliche Erleben ernst zu nehmen und ins Spiel zu bringen – als Beweggründe, an denen sich das Politische im Tanz entzündet.

– Britta Wirthmüller, Künstlerische Mitarbeiterin HZT Berlin

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