Interview – Zu neuen Horizonten

VonJudith Brückmann

Interview – Zu neuen Horizonten

Um das Verhältnis von Tanz und Politik dreht sich die Biennale-Konferenz „Matters of Engagement“ – vor allem aber geht es um Verschiebungen im gesellschaftlichen und institutionellen Gefüge

Interview: Elena Philipp

Eine Konferenz gehört üblicherweise zum Programm der Biennale Tanzausbildung. In der Themenwahl und Ausgestaltung ist die ausrichtende Institution frei. Wie und warum sie das Format 2018 anders gedacht haben, erzählen im Interview der Kurator Florian Malzacher, Nik Haffner, Künstlerischer Direktor des HZT, und die Künstlerische Mitarbeiterin Britta Wirthmüller.

 

Über das Verhältnis von Kunst und Politik, von Tänzer*in und Gesellschaft macht Ihr Euch bei der Biennale-Konferenz Gedanken, gemeinsam mit den teilnehmenden Studierenden und Lehrenden. Wie kamt Ihr auf diesen Schwerpunkt?

Britta Wirthmüller (BW): Wir wollten ein Thema setzen, das fürs HZT relevant ist und uns wirklich beschäftigt. Ein Thema, zu dem wir selbst Fragen haben, das aber nicht so speziell ist, dass es nur fürs HZT funktioniert, sondern eins, das potentiell alle Studierenden und Lehrenden beschäftigt und zu dem sich jede Hochschule positionieren kann. Die Ausgangsfrage war: Was verbindet das, was wir in unseren Institutionen jeden Tag tun, mit dem, was in der Welt um uns herum passiert?

Angelegt ist die Konferenz nicht als eine Abfolge von Vorträgen, sondern als eine Exkursion mit Raum für Reflexion. Was ist der Grund für dieses ungewöhnliche Format?

Nik Haffner (NH): Spannender als Wissen zu schaffen fanden wir es, Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen und Anregungen zu geben, die die Studierenden mitnehmen und anwenden können, sobald sie nach der Ausbildung in einer Compagnie oder als freie Künstler*innen agieren. Eine Konferenz kann schnell zu einer Wissenschaftsplattform werden. Das geht an den Interessen und Bedürfnissen der meisten Studierenden vorbei. Wir wollten nicht, dass die Konferenz ein Prestige-Event fürs HZT wird, zu dem wir ganz viele Externe einladen. Gerichtet ist sie an die Gruppe von Studierenden und Lehrenden, die an der Ausbildungsbiennale teilnimmt.

BW: Wichtig ist uns die geteilte Erfahrung. Im Tanz spielt sie immer eine Rolle, sei es in Tanzklassen, bei Proben oder Workshops. Bei wissenschaftlichen Symposien hingegen herrscht ein Come and Go, die Teilnehmenden sagen sich, ‚ich komm dann, wenn die großen Namen dran sind‘. Bei „Matters of Engagement“ bleiben wir von morgens um 11 bis abends um 21 Uhr als Gruppe zusammen.

Inhaltlich entwickelt hast das Programm vor allem Du, Florian. Als Kurator für zeitgenössische performative Künste, als Autor, Dramaturg und ehemaliger Theaterkritiker beschäftigst Du Dich seit langem mit politischem Theater und Strategien des künstlerischen Aktivismus. Was ist Dein Fokus für „Matters of Engagement“?

Florian Malzacher (FM): In den letzten Jahren hat sich ja einiges verändert, was den Blick auf politische Kunst angeht. Inzwischen hat sie eine breitere Anerkennung erfahren, spielt auf Biennalen wie in Venedig oder bei der letzten documenta eine große Rolle. Auf der anderen Seite formiert sich aber auch starker Widerstand, der danach fragt, ob das überhaupt noch Kunst ist – wie man ebenfalls bei der Diskussion um die documenta sehen kann. Bei „Matters of Engagement“ interessiert uns aber mehr, noch einmal zu schauen, welche Formen des künstlerischen Umgangs mit realpolitischen Anlässen es geben kann. Und vor allem, welche konkreten Gruppen und Initiativen auch hier in Berlin entstanden sind. Dazu kommt die Frage, was man auf welche Weise verhandeln darf, was man künstlerisch tun darf – zum Beispiel wenn es um Identitätspolitik oder postkoloniale Probleme geht.
Der Eröffnungsvortrag bei unserer Konferenz ist eine Performance: In „Situation mit Doppelgänger“ von Oliver Zahn und Julian Warner geht es um postkoloniale Aneignungen im Tanz: Welches Bewegungsmaterial darf ich zitieren? Habe ich als Weiße*r ein Recht dazu oder nicht? Diese Fragen beschäftigen, aber auch verunsichern ja gerade viele Künstler*innen – plötzlich wird man vielleicht auf eine Weise hinterfragt oder gar angegriffen, mit der man nicht gerechnet hat.
Wenn ich Studierenden ältere Performances auf Video zeige, dann merke ich manchmal sehr deutlich, dass sich die Wahrnehmung verändert hat. Manches würde man so (hoffentlich) nicht mehr machen. Und anderes sollte man schlicht so nicht mehr machen. Natürlich kann das manchmal auch ein schmaler Grat zur Selbstzensur sein. Solche Fragen betreffen Studierende heute sehr direkt – sie sollten sie besser kennen und damit umgehen. Auf der anderen Seite wissen das jüngere Generationen oft ohnehin schon – und es sind eher die älteren, die noch sensibilisiert werden müssen.

Wie bildet das Programm Eurer Konferenz diese Umbrüche ab?

FM: Im Zentrum stehen ganz konkrete Initiativen. Man könnte sagen, es sind best practice-Beispiele, die befragt werden. So soll ein Spektrum an Möglichkeiten künstlerisch-politischer Praxis aufgezeigt werden, das inhaltlich von Postkolonialismus über Gentrifizierung über Flucht bis zu artistic activism reicht. Die Idee ist, Berlin als Ort der Biennale zu nutzen – und in Form von zehn Exkursionen eine Anzahl und Bandbreite von Referent*innen zu involvieren, wie das bei einer normalen Konferenz nicht möglich wäre. Es ist eine Art kuratierter Gang durch die Stadt, bei dem verschiedene Initiativen besucht werden, die von Künstler*innen gegründet oder zumindest mitgetragen werden: die „Neue Nachbarschaft Moabit“, initiiert von Marina Naprushkina, oder die *foundationClass an der Kunstakademie Weißensee, die Ulf Aminde ins Leben gerufen hat. Die Kunstaktivist*innen von Peng! Collective oder dem Zentrum für politische Schönheit, aber auch diskursive Kunstorte wie Savvy Contemporary oder Kreuzberger Gruppen, die gegen die Gentrifizierung rund um das Kottbusser Tor kämpfen.
Von diesen Beispielen ausgehend betrachten wir drei Formen des Handelns: das wiederholende Handeln (Re-Enacting), das Handeln in der Gegenwart (Acting) und das vorwegnehmende, antizipierende Handeln (Pre-Enacting). Der Politologe Oliver Marchart, der kürzlich ein Buch über Pre-Enacting herausgegeben hat, fragt in einem Vortrag, wie politische Gesten oder Ereignisse künstlerisch vorweggenommen werden. Eines seiner zentralen Beispiele ist die Arbeit der israelischen Gruppe Public Movement, die auch an der Konferenz teilnehmen.
Tatsächlich geht es ja auch um choreographische Fragen, wie sie die Philosophin Judith Butler in ihrer Rede bei Occupy Wall Street gestellt hat: Was bedeutet es, sich als lebendige Körper zu versammeln? Wie wird aus einem kollektiven Körper eine Bewegung? Anknüpfungspunkte zwischen Tanz und Politik gibt es also, aber manchmal sieht man gar nicht mehr, welche Werkzeuge und welch ein Wissen man hat oder man weiß nicht, wie man es nutzbar machen kann. Die Konferenz als Momentaufnahme gesellschaftlicher Konstellationen kann hier vielleicht einen Anstoß geben.

Britta und Nik, worin besteht für Euch die Dringlichkeit dieses Ansatzes?

BW: Für mich hat das eine Dringlichkeit in Bezug auf Tanz und Tanzausbildung. Es war gar nicht so einfach, Beispiele aus dem Tanz zu finden, die auf realpolitische Situationen reagieren. Das finde ich bezeichnend. In der Tanzausbildung, so wie ich sie wahrnehme und selbst erlebt habe, gibt es – auch wenn sich einiges bewegt – immer noch einen sehr starken Fokus auf das Selbst und den eigenen Körper: Wie gut entspreche ich einem bestimmten Vorbild? Gerade in technischen Ausbildungen ist das Idealbild der Tänzerin beziehungsweise des Tänzers sehr stark vorgegeben. Die Einschätzung der Lehrenden zählt sehr viel und Studierende werden meines Erachtens wenig motiviert, sich selbst zu fragen, was für eine Art Tänzer*in sie sein wollen. Dabei wäre es wichtig, dass sie sich immer wieder fragen: Wo wage ich es, zu widersprechen? Wo wage ich nachzufragen: „ok, ich kann das machen, aber erklär mir warum“? Die Strukturen sind eher bevormundend. Vor diesem Hintergrund, so ist zumindest mein Eindruck, schrecken Studierende vor der Frage nach einem politischen Bewusstsein erst einmal zurück, sagen eher ‚Politik hat mit mir nichts zu tun‘. Dabei wirft aus meiner Perspektive jede Tanzklasse grundlegende politisch-gesellschaftliche Fragen auf.

NH: Ja, das Politische beginnt im Kleinen: Wie bringe ich mich als Studierende*r ein, wie verhalte ich mich in einer alltäglichen Situation? Wir bieten bei der Biennale daher zum Beispiel einen Workshop an, in dem zwar eine Mentorin bereit steht, es aber keine lehrende Person gibt. Wir vertrauen den Studierenden – sie bringen genug mit, um die Woche spannend zu gestalten. Für diese Idee war die Ausbildungskonferenz Tanz auch sofort offen, da gibt es eine große Bereitschaft, etwas auszuprobieren.

Das klingt, als sei ein Paradigmenwechsel in der Tanzausbildung nötig – oder vielleicht schon im Gange?

NK: Das hat schon begonnen, ja. In vielen Ausbildungen ist es zwar kaum nicht zu umgehen, sich sehr zu fokussieren und quasi Scheuklappen anzulegen. Aber wir als Lehrende haben eine Verpflichtung, weil die Studierenden meist sehr jung sind und durch alle Ausbildungssparten hindurch sehr international. Können wir in einer politischen Situation wie heute überhaupt sagen, wir haben keine Zeit, uns mit solch grundlegenden Fragen zu beschäftigen, wir müssen den nächsten Wettbewerb vorbereiten? Für uns alle bietet die Biennale die Chance, hier noch einmal innezuhalten. Im Idealfall ist das eine Erfahrung, die bei den Teilnehmenden etwas bewegt oder die später als Erinnerung wieder hochkommt und nutzbar wird. Daher setzen wir bewusst den Horizont erweiternde Impulse: Als internationale Gäste kommen nicht nur die Partnerhochschulen, mit denen wir durch das Erasmus-Programm ohnehin verbunden sind oder deren Ausbildungssysteme dem unsrigen ähneln, sondern wir haben auch drei Gäste eingeladen, von denen wir, wie ich hoffe, ganz viel lernen können: Karima Mansour vom Cairo Contemporary Dance Center, Mohamad Abbasi vom Invisible Center of Contemporary Dance aus Teheran und Alesandra Seutin von der École de Sables aus Senegal. Sie alle arbeiten unter völlig anderen Bedingungen und Voraussetzungen als wir, nicht nur finanziell oder räumlich: Was bedeutet es überhaupt, in einem Land wie Iran zu tanzen?

BW: Idealerweise gelingt uns die Spiegelung, wie Tanzausbildungen bei uns seit Jahrzehnten funktionieren. Idealerweise gelingt es uns, darauf aufmerksam zu machen, wie Tanzausbildungen bei uns seit Jahrzehnten funktionieren und was daran nicht mehr zeitgemäß ist. Für mich geht es bei der Biennale eben auch darum, Studierende zu sensibilisieren für das, was ‚politisch‘ sein könnte. In der Ausbildung sollten bestimmte Dinge nicht mehr akzeptiert werden, die wir vor fünf oder zehn Jahren noch als ganz selbstverständlich gesehen haben. Meines Erachtens ist oder wäre das eine wichtige Auseinandersetzung.

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Über den Autor

xxx Judith Brückmann editor